Verursacht Cannabis eine Reduzierung der Intelligenz bei Jugendlichen?

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Die Annahme, dass Jugendliche wegen ihres noch wachsenden Gehirns besonders empfindlich und negativ auf den Konsum von Cannabis reagieren, ist weitgehend akzeptiert. Es ist eines der stärksten Argumente, dass in der politischen Debatte um den rechtlichen Status von Cannabis verwendet wird. Es spielt auch bei der Diskussion um die Frage, ob Cannabis als Medizin bei schwer kranken Jugendlichen eingesetzt werden darf, eine erhebliche Rolle.

Eine neue große Studie von US-amerikanischen und britischen Wissenschaftlern stellt die bisher allgemein angenommene Beeinträchtigung der Intelligenz durch einen Cannabiskonsum in der Jugend infrage. Dr. Madeline Meier und ihre Kollegen haben ihre Ergebnisse in der Februar-Ausgabe 2018 der Fachzeitschrift Addiction veröffentlicht. Sie untersuchten die Frage, ob Heranwachsende, die Cannabis konsumierten oder cannabisabhängig waren, vor Beginn des Cannabiskonsums eine neuropsychologische Beeinträchtigung sowie eine Abnahme der neuropsychologischen Leistungsfähigkeit nach Beginn des Cannabiskonsums aufwiesen. Das Forscherteam analysierte eine repräsentative Gruppe von jugendlichen Zwillingen aus Großbritannien. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass „Faktoren des Familienhintergrundes“ und nicht der Cannabiskonsum die geistige Leistungsfähigkeit von Jugendlichen negativ beeinträchtigte.

Die zentralen Ergebnisse der neuen Zwillingsstudie

Die aussagekräftigsten Ergebnisse lassen sich bei einer solchen Fragestellung mit sogenannten Zwillingsstudien erhalten. So kann man gut den Einfluss der Umwelt und auch von genetischen Faktoren abschätzen. Schließlich weisen eineiige Zwillinge die gleiche Erbsubstanz auf. In die Studie wurden Zwillinge aufgenommen, die in den Jahren 1994 bis 1995 in England oder Wales geboren waren. Im Alter von 5, 12 und 18 Jahren wurde der Intelligenzquotient gemessen. Die Häufigkeit des Cannabiskonsums sowie das Vorliegen einer möglichen Cannabisabhängigkeit wurden im Alter von 18 Jahren bestimmt. Im Alter von 18 Jahren wurden darüber hinaus Tests zur sogenannten exekutiven Funktion durchgeführt. Die exekutive Funktion gibt Aufschluss über die Fähigkeit zur Verarbeitung komplexer Zusammenhänge.

Verglichen mit Heranwachsenden, die kein Cannabis konsumierten, wiesen Cannabiskonsumenten in der Kindheit vor Beginn des Cannabiskonsums einen niedrigeren Intelligenzquotienten auf. Auch im Alter von 18 Jahren war der Intelligenzquotient bei den Cannabiskonsumenten niedriger als bei den Nichtkonsumenten. Die Forscher fanden jedoch kaum Hinweise, dass Cannabiskonsum mit einer Abnahme der Intelligenz zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr verbunden war. Beispielsweise war der Intelligenzquotient von Heranwachsenden mit Cannabisabhängigkeit im Alter von 12 Jahren um etwa 6 Punkte und im Alter von 18 Jahren um etwa 7 Punkte niedriger als bei Heranwachsenden ohne Cannabisabhängigkeit.

Allerdings wiesen Heranwachsende mit Cannabisabhängigkeit keine größere Abnahme der Intelligenz vom 12. zum 18. Lebensjahr auf als die Vergleichsgruppe. Darüber hinaus wiesen Cannabiskonsumenten im Alter von 18 Jahren eine schlechtere exekutive Funktion auf als Gleichaltrige, die kein Cannabis konsumierten. Allerdings traten diese Zusammenhänge nicht bei Zwillingspaaren auf. Zwillinge, die Cannabis häufiger konsumiert hatten als die jeweils anderen Zwillinge, wiesen im Allgemeinen die gleiche Leistungsfähigkeit bei fünf von sechs Tests zur Messung der exekutiven Funktion auf. Die einzige Ausnahme war ein bestimmter Gedächtnistest, bei dem die Cannabiskonsumenten schlechter abgeschnitten hatten.

Selbst starker Cannabiskonsum hatte keine negativen Auswirkungen

Die Autoren folgerten aus ihrer Studie: „Kurzzeitiger Cannabiskonsum im Jugendalter scheint keine Abnahme des IQ zu verursachen oder exekutive Funktionen zu beeinträchtigen, selbst wenn der Cannabiskonsum das Niveau einer Abhängigkeit erreicht. Faktoren des Familienhintergrundes erklären, warum heranwachsende Cannabiskonsumenten eine schlechtere Leistung bei Tests für den IQ und die exekutive Funktion zeigen.“

In der gleichen Ausgabe von Addiction wurde ein Kommentar zu dieser Studie von Wissenschaftlern des Universitätskollegs London veröffentlicht. Die Professoren Claire Mokrysz und Tom P. Freeman kommentierten die aktuellen Ergebnisse im Lichte früherer Untersuchungen zum Thema.

Sie wiesen darauf hin, dass die neuen Ergebnisse nicht wirklich überraschend sind, sondern in Übereinstimmung mit einer Anzahl jüngerer Studien zu Cannabiskonsum und Intelligenz, in denen die geistige Leistungsfähigkeit während der Jugendzeit oder im frühen Erwachsenenalter gemessen worden war. Interessanterweise wurden kürzlich auch zwei Studien mit älteren Erwachsenen veröffentlicht, bei denen sich eine Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit bei Cannabiskonsumenten fand. Daher kann man ohne eine längerfristige Beobachtung nicht beurteilen, ob nicht vielleicht eine Beeinträchtigung im späteren Leben junger Cannabiskonsumenten auftritt. Allerdings ist es bemerkenswert, dass die Studie keine Beeinträchtigung bei jungen Cannabiskonsumenten fand. Genau das ist aber die Annahme, von der die meisten mit dieser Thematik vertrauten Ärzte und Wissenschaftler bisher grundsätzlich ausgingen. Diese Annahme könnte unzutreffend sein.

Ist die Jugendzeit wirklich eine Phase besonderer Empfindlichkeit?

Die Annahme, dass die Jugend eine Zeit besonderer Empfindlichkeit für neurologische Schäden durch Cannabis darstellt, basiert im Wesentlichen auf einer früheren, sehr einflussreichen Studie von Dr. Meier und Kollegen, der sogenannten Dunedin-Studie, die im Jahr 2012 veröffentlicht worden war. Dabei hatten die Forscher Einwohner der neuseeländischen Stadt Dunedin von der Geburt bis ins Erwachsenenalter begleitet. In dieser Studie hatten die Autoren darüber berichtet, dass Cannabiskonsumenten, die in der Jugend mit dem Konsum begonnen hatten, eine Abnahme des Intelligenzquotienten aufwiesen, während das für Personen, die erst im Erwachsenenalter mit dem Konsum begannen, nicht galt. Eine Abnahme des IQ – in einer Größenordnung von 6 bis 8 Punkten – wurde allerdings nur bei jugendlichen Konsumenten festgestellt, die auch als Erwachsene noch starke Cannabiskonsumenten oder gar cannabisabhängig waren.

Allerdings legt eine spätere Analyse der Daten, die in der gleichen Zeitschrift veröffentlicht wurden, nahe, dass die beobachteten Veränderungen das Ergebnis einer mangelnden Berücksichtigung möglicher anderer Einflussfaktoren sein könnten. Dies gilt insbesondere für sozioökonomische Unterschiede zwischen Konsumenten und Nichtkonsumenten.

Einige andere, aber sicherlich nicht alle kleineren Studien fanden ebenfalls Hinweise auf eine schlechtere Leistungsfähigkeit bei Konsumenten, die früh mit der Cannabisanwendung anfingen, jedoch nicht, wenn sie später anfingen. Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Studien, besonders hinsichtlich der betroffenen Aspekte der geistigen Leistungsfähigkeit. Auch die Ergebnisse früherer Studien waren also bereits recht uneinheitlich.

Nicht die ersten Hinweise auf fehlende Cannabiseffekte

Im Jahr 2016 führten Wissenschaftler der Universität von Kalifornien in Los Angeles und der Universität von Minnesota eine der aktuellen Studie ähnliche Analyse durch. Dabei untersuchten sie ebenfalls den möglichen Einfluss von Cannabis auf den Intelligenzquotienten bei heranwachsenden Zwillingen. Sie fanden keine Dosis-Wirkungsbeziehung zwischen der Stärke des Cannabiskonsums und der Abnahme des IQ im Alter von 20 Jahren. Sie beobachteten zudem keine signifikanten Unterschiede in der Leistungsfähigkeit zwischen Cannabiskonsumenten und den jeweils anderen Zwillingen, die nicht konsumierten.

Damals folgerten die Forscher: „In der größten Langzeituntersuchung zu Marihuanakonsum und IQ-Veränderungen finden wir wenige Hinweise darauf, dass jugendlicher Marihuanakonsum eine direkte Wirkung auf die intellektuelle Abnahme hat (...). Das Fehlen einer Dosis-Wirkungbeziehung und die Abwesenheit relevanter Unterschiede zwischen unterschiedlichen Zwillingen führte uns zu der Schlussfolgerung, dass Defizite, die bei Marihuanakonsumenten gefunden wurden, auf Einflussfaktoren beruhen, die sowohl den Beginn des Substanzkonsums als auch den IQ beeinflussen, und nicht auf einer neurotoxischen [für die Nerven giftige] Wirkung von Marihuana.“

Was könnte Klarheit bringen?

Ein wichtiger Aspekt der neuen Studie von Meier und Kollegen ist die Tatsache, dass nur ein Prozent der Teilnehmer Cannabis mehrmals täglich verwendete. Es bestünde die Möglichkeit, dass sehr starker Konsum eine Beeinträchtigung der Intelligenz verursachte, die aufgrund der geringen Zahl der starken Konsumenten nicht entdeckt werden konnte. Daher weisen die Autoren der neuen Studie darauf hin, dass noch größere Studien mit vielen 1000 Teilnehmern erforderlich sein werden, um noch bessere Aussagen zu starkem Cannabiskonsum in der Jugend machen zu können. Da allerdings ein sehr starker Konsum in der Allgemeinbevölkerung und auch bei Jugendlichen nicht sehr häufig ist, so könnten möglicherweise auch sehr große Studien nicht ausreichen, um abschließende Klarheit zu gewinnen.

Eine Möglichkeit, dieses Thema anzugehen, wäre eine Studie, an der überdurchschnittlich viele starke Konsumenten teilnehmen. Bei einem solchen Studiendesign könnte die Möglichkeit bestehen, Unterschiede in der geistigen Leistungsfähigkeit von Gelegenheitskonsumenten und starken Konsumenten zu finden, wenn es einen solchen Unterschied tatsächlich gibt. Zudem haben bisherige Studien das Problem, dass Personen, die früher mit dem Cannabiskonsum beginnen, im Vergleich zu Personen, die erst später anfangen, nicht nur früher begonnen, sondern eben auch länger und stärker konsumiert haben. Das kann bisherige Ergebnisse verfälschen.

Die Kommentatoren der Studie, Claire Mokrysz und Tom P. Freeman, schlagen zur Lösung des Problems zudem placebokontrollierte Studien vor, was die Beurteilung ursächlicher Wirkungen einer Cannabisexposition in verschiedenen Altersgruppen erlauben soll. Allerdings ist mir nicht klar, wie man solche Studien in der Realität durchführen könnte. Selbst bei der medizinischen Verwendung von Cannabis in klinischen Studien besteht bisher eine sehr starke Zurückhaltung, Jugendliche in entsprechende Studien aufzunehmen.

Die Risiken nicht übertreiben

Abschließend schreiben die Kommentatoren: „Zusammengefasst addiert sich dieses Papier zu der zunehmenden Zahl von Hinweisen, die die Behauptung infrage stellen, nach der das Jugendalter eine Zeit der Verletzlichkeit gegenüber möglichen neurokognitiven Schäden durch Cannabiskonsum darstellt. Es ist wichtig, dass, während die Beweise unklar bleiben, die Risiken für Cannabis konsumierende Teenager, Eltern und Politiker gleichermaßen nicht übertrieben werden.“

Ein guter Rat zur Versachlichung.

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